Es war im März 1984. Gerade erst waren wir aus der Mietwohnung des komfortabelen 6 WE (Wohneinheiten) in das Elternhaus meines Vaters gezogen, da wurde ich erneut schonungslos aus meiner Behaglichkeit gerissen.
Am Anfang war der Dachboden. Dort verweilten seit einer kleinen Ewigkeit Puppen und Spielzeug aus meiner Kindheit in der DDR. Mit einem Anflug von Nostalgie, viel Zuspruch und dem Vorhandensein entsprechender Räumlichkeiten begann ich mit der Bergung meiner Schätze und Erfüllung eines Kindheitstraum's: Ein Domizil voll mit Puppen und Spielzeug, mit allem, was ich schon habe und - damals oder erst jetzt - schon immer haben wollte, oder ganz einfach den Weg zu mir fand.
Sonntag, 25. April 2021
Die Kleine muss zur Kur!
Dienstag, 30. März 2021
Ostern 2021
Na, wer hätte das gedacht!? Ein weiteres Hochfest in Folge, welches wir unter dem zermürbenden Einfluss eines Virus verbringen müssen. Seit über einem Jahr setzen wir uns nun mit der Angst vor Krankheit und Verlust auseinander, ertragen vielfache Einschränkungen, üben uns in Geduld, hoffen und bangen.
Donnerstag, 11. März 2021
Im Kindergarten
Dieses Kapitel meiner Kindheit hatte ich doch fast vergessen: Der Kindergarten! Naja, Kunststück, war ich doch gerade mal ein Jahr dort.
Ich hatte als Kind der DDR das seltene Privileg, die ersten fünf Lebensjahre in der heimischen Obhut meiner Mutter zu verbringen. Sie war eine der wenigen Frauen, die ihr Berufsleben zu Gunsten der Kinder für einige Jahre auf Eis gelegt hatte, was im Arbeiter- und Bauernstaat mehr als ungewöhnlich war. Mir sollte es recht sein.
Doch ein Jahr vor der Einschulung war es vorbei mit der Geborgenheit an Muttis Rockzipfel. Das Bildungswesen der Deutschen Demokratischen Republik hatte die kleine Christina nicht vergessen und beorderte sie zur Teilnahme am Vorschulkindergarten, verpflichtend.
So wurde ich feierlich im "Haus des Kindes" aufgenommen, meine pädagogischen Wegbegleiter hießen bezeichnenderweise Frau Berg und Frau T(h)al... Das erste Mal in meinem Leben war ich sozialen Zwängen ausgesetzt. Ich war in eine Gruppe von zirka zwanzig Altersgenossen geraten, wir lernten erste Ansätze von Wort und Schrift, malten und sangen, übten Tischmanieren und das wichtigste, unprätentiöser Teil einer sozialen (sozialistischen) Gesellschaft zu werden; daran arbeite ich noch heute...
Bis auf die Spielzeiten im Außenbereich der alten Villa (hier gab es wunderschöne alte Puppenwagen zum Flanieren!), wurde ich kein großer Freund dieser Einrichtung. Alles, was es hier gab, hatte ich doch auch zu Hause, nur ruhiger. Und für den Gemeinschaftsgedanken war ich doch schon in der Kirche!!!
Einmal bin ich sogar tollkühn ausgebüchst! Wurde ich bis dato stets vor dem wenig kulinarischen Mittagessen von Mama abgeholt, hatte sie mich diesmal doch tatsächlich versetzt. Neben dem blöden Essen drohte der noch viel blödere Mittagsschlaf auf mit Gurten bespannten Liegen in Bodennähe, welche dicht an dicht im Raum aufgestellt wurden. Das war zuviel! Irgendwie hatte ich es geschafft, das sonst verschlossene Haus zu verlassen und trat wild entschlossen meinen Heimweg an. Weit bin ich nicht gekommen...
Heute schaue ich versöhnlich auf diese Zeit zurück. Es war ein guter Grundstock für das, was danach folgen sollte: Ein Leben in der Gemeinschaft, Kultur und Freundschaften für's Leben. So habe ich hier unter anderen Liane kennengelernt, mit der ich noch viel erleben sollte; wir sind bis heute befreundet.
Sonntag, 21. Februar 2021
Unerwartet Winter!
Kaum zu glauben, aber es gibt ihn doch noch: Schnee im Winter! Und zwar so richtig!
Schneeflocken, so groß, dass man versucht ist, sie als erwachsener Mensch wie zu Kinderzeiten mit der Zunge einzufangen. Schnee, so viel, dass man aus dem Fenster des eingeschneiten Hauses schaut und erkennt, dass der Weg nach draußen unmöglich erscheint. Schnee, so mächtig, dass er die so wichtig gewordene Mobilität zum Erliegen bringt. Schnee, so schön, dass es eine wahre Freude ist, ihn mit all seiner Pracht im Bilde festzuhalten.
Montag, 1. Februar 2021
Briefe aus Ufa
Neulich stieß ich bei meiner fortwährenden Suche nach (Er-)Zeugnissen vergangener Zeiten auf ein Plakat von 1979, welches in das Dresdner Museum für Volkskunst zur Ausstellung von "Spielzeug aus der Sowjetunion" einlud. Wieder einmal nicht wissend, wohin mit diesem viel zu großen Bild, erwarb ich selbiges und es erwachte mein Interesse an Spielzeug aus der einstigen Sowjetunion.
Hatte ich mich bisher wenig für die Dinge des vermeintlichen Bruderlandes interessiert, stieß ich auf liebevoll und farbenfroh gestaltete Objekte, die Kinderaugen einst zum Leuchten gebracht haben. Erneut ward der Paketbote ständiger Gast an heimischer Adresse...
Ich glaube, dass sich jeder, der in der DDR groß geworden ist, an die wunderschön gestalteten Verpackungen sowjetischer Süßigkeiten erinnern kann, wenngleich der Inhalt nicht immer dem ostdeutschen Gaumen schmeichelte. Die Bilder zeigten märchenhafte Geschöpfe und typisch russisch anmutende Szenen, die einem ein warmherziges und traditionsreiches Land suggerierten.
Wir Kinder der bildungsorientierten DDR haben so einiges mit auf dem Weg bekommen, so auch die russische Sprache in Wort und Schrift. Sie verhieß Anerkennung und Bekenntnis zum Heimatland, obwohl wir schon damals erkannten, dass unsere Zukunft nicht gen Osten ausgerichtet sein würde.
Unsere Klassen- und Russischlehrerin, der wir auch die Flugreise nach Kiew verdankten (meine Geschichte von April letzten Jahres), brachte eines Tages Briefe sowjetischer Kinder mit in die Schule. Jeder, der ansatzweise des Russischen mächtig war und es in der Schule zu etwas bringen wollte, ließ sich einen dieser Briefe aushändigen, was auferlegterweise eine Brieffreundschaft zur Folge haben sollte. Deutsch-sowjetische Freundschaft in Reinkultur, der ich nur zu gerne beiwohnen wollte.
So kam ich in den stolzen Besitz eines bis dahin nie gesehenen Briefumschlages, der neben der kyrillischen Schrift so wunderschön bunt und vollgepackt mit noch schöneren Bildern und natürlich einem liebevoll gestalteten Schreiben nebst Verfasser-Foto ausgestattet war. Diesen Brief hatte Lena aus Ufa, einer Stadt westlich des Ural, geschickt. Lena war eine typisch russische Schönheit mit langen schwarzen Haaren, welche am Oberkopf mit einer riesigen Tüllschleife gebunden waren.
Nun war ich seinerzeit eine recht gute Schülerin, auch bereitete mir das auferlegte Schulrussisch keine Probleme, aber hier kam auch ich an die Grenzen russischer Umgangssprache und individuellem Schriftbild. Lena schrieb viel und selbst für den Geschmack meiner Russischlehrerin recht undeutlich; auf russisch versteht sich...
Ich muss meinen Eltern damals ziemlich auf die Nerven gegangen sein, denn alsbald fand ich mich vor einer klingellosen Tür im lichtlosen Flur eines Altstadthauses meiner Heimatstadt wieder, in dem der pensionierte Russisch-Experte und Dolmetscher Ede Stahl wohnte. Herr Stahl war der einstige Russischlehrer meiner Mutter, ein alter Mann, dessen Optik und Wesen von der berüchtigten russischen Seele Besitz ergriffen hatten. Es war jedesmal ein Graus, den Gang zu Herrn Stahl anzutreten. Zwar konnte er Lenas Briefe größtenteils ins Deutsche übersetzen, am Ende überwog jedoch meine Angst vor ihm.
So ging das über eine heute nicht mehr zu beziffernde Zeit. Freute ich mich riesig, wenn wieder einmal ein mit Postkarten, Schokoladenbildern und endlos scheinenden Textzeilen gefüllter Brief seinen langen Weg zu mir fand, beließ ich meine in deutsch verfassten Antwortschreiben auf Grundlage schlechter Eigenübersetzung auf Angaben von Banalitäten und der Beigabe ostdeutscher Ansichtskarten. Vielleicht hatte Lena meine Briefe ja auch nie bis ins letzte Wort verstanden.
Irgendwann schlief diese Brieffreundschaft sang- und klanglos ein. Guten Schülern wurde nun das Erlernen einer weiteren Fremdsprache ermöglicht: Englisch! Mit der Abschlussprüfung zum Ende meiner Schulzeit verbannte ich die russische Sprache aus meinem Kopf, so dass ich sie heute kaum noch lesen kann. Schade, eigentlich...

















































